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Thema: "Christiane F." on Stage in Berlin (712-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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"Christiane F." on Stage in Berlin

Zitat
http://morgenpost.berlin1.de/archiv2003/030730/feuilleton/story619706.html[/url]"]
[size=0px]Wirf den Joint weg und sei "glücklisch"[/size]
Film als Theater: Stereo Total im ColumbiaFritz

Von Johanna Merhof

Am Bühnenrand des ColumbiaFritz hängt ein gemalter David Bowie und blickt genervt, sprich cool. Hunderte Jungberliner versuchen es ihm nachzutun, treten sich dabei gegenseitig auf ihre Chucksschläppchen, rempeln, rauchen und bekleckern sich hochvergnügt mit Becks. Man kennt und beküsst sich - die Berliner Untergrundkunstszene im Mix mit lässig rausgeputzten Studenten. Künstler Jim Avignon tuschelt mit einem Sommerhit-Hip-Hopper, es riecht nach Schweiß und Gauloises und als Françoise Cactus mit Liebes- und Musikpartner Brezel Göring die Bühne betrippelt, brüllt und trampelt eine Halle und gibt sich schlagartig glücksbesoffen.

Zu Recht: Stereo Total, die frankophile Trash-Band irgendwo zwischen Punk, Chanson und Easy Listening, will heute Nacht nicht nur ihre Klimpersongs mit Hardcore-Französisch-Akzent herausrotzen, nein, sie werden auch ihre Filmverrücktheit zelebrieren. Und weil Feiern und Sucht zusammenkleben, haben sie am 1981-er-Aufklärungsklassiker "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" herumgewerkelt, jenem Kultfilm der Achtziger, der der damaligen Jugend in jeder Szene zuflüsterte: "Das hier könntest du sein, also wirf den Joint weg, damit fängts an."

Heute ist der Jungmensch wieder abgebrühter, Heroin ist eh unschick, das ColumbiaFritz trinkt Wodka Red Bull und Cactus und Brezel ziehen den erhobenen Zeigefinger tief durch den Kinderkakao. Es beginnt mit einem getürkten Telephonat mit Christiane-Regisseur Uli Edel. Edel, der große Spaßverderber, verweigert die Rechte am Film. Stereo Total quittiert es mit grinsendem Schulterzucken. Selbst ist der Künstler - und aus Christiane F. wird ein Rock-Theaterstück.

Cactus, in schwarzen Lackhosen plus Hornbrille sitzt am Zwei-Teile-Schlagzeug und singt wie immer herrlich und lasziv verraucht, während Brezel wie ein aufgezogener Spielzeugaffe am selbstgebauten Keyboard und an der Pappgitarre rumzuppelt. Dazu irren etwa acht befreundete Laienschauspieler als Zookids am Bühnenrand auf und ab, probieren Dialoge im Stil von "Ey, Mann, ick gloob ick werd süchtig, ey". Stereo Total spielen derweil abgerockte Coverversionen von "Heroes" oder "Waiting For My Man", streiten sich mit der blondierten englischen Gitarristin um die richtigen Riffs und brauchen mehr Licht, da Cactus die Texte "leider nischt kann auswendisch". Die Fans blicken unsicher, benebelt von 40 Grad Schweißluft, und wissen nicht genau, ob sie gerade die definitiv coolste Scheiße oder einfach nur Scheiße bewundern dürfen. "Schülertheater" brüllt einer. Und die Masse jubelt "Rock 'n' Roll". Man atmet auf. Es ist entschieden: Daumen hoch. Ironie als Allzweckmittel. Nach einer Dreiviertelstunde ist Sense.

"Gleisch spielen wir Disco-Garage-Rockabilly, süperkühle Stereo-Total-Songs, jetzt müssen wir ausruhen für kurz" haucht Françoise, während die Masse schon den Bierausschank belagert und nach einer Linie Frischluft giert. Jetzt aber Schluss mit der Kunstverarsche, her mit dem Tanzvergnügen. Et voilà: Stereo Total wissen, was ihre Fans jetzt brauchen. An einer Magnum-Weinflasche nuckelnd und mit Pfirsichsaft fürs Publikum kommen sie wieder und gehen gleich in die Vollen. Sie spielen alle Hits - von "Holiday Inn" bis "Liebe zu dritt", flirten mit dem Publikum, Brezel zeigt seinen Hintern und tanzt wie Michael Jackson, Françoise raucht und blickt so spöttisch, wie es nur clever-erotische Französinnen können. Dazu singt sie "Ich fühl mich schön wie der Lastwagen, in dem ich liege" oder "Isch liebe disch Alexander, du bringst misch durscheinander". Es klimpert und klappert, als würde ein Dreijähriger Glockenspiel üben oder eine Spielzeugabteilung der Achtziger alle Powerknöpfe auf einmal testen. Es ist kindlich, es ist naiv - es ist wunderbar.

Wir befinden uns in der ultimativen Schonzone vor der bösen Realität, knatschbunt und quietschvergnügt. Das Publikum wackelt mit dem Po, jauchzt sich heiser und "will bleiben für immer süße kleine 16" - zwei irre Stunden lang. Bei der vierten Zugabe tanzt alles auf der Bühne im Viereck, krächzt "Movie Star", lauter Prinzen und Prinzessinnen der Nacht. Eine Jugend wankt hinaus in Regen. Berauscht und den Kopf voller "Yeah Yeahs". Glücklisch eben.

Die Tanzwerkstatt No Limit inszeniert "Christiane F.&qu

Antwort #1
Zitat
Berliner Zeitung, Montag, 11. April 2005[/url]"][size=0px]Wir Tänzer vom Bahnhof Zoo[/size]
Die Tanzwerkstatt No Limit inszeniert die Geschichte der Christiane F.

Johannes Hub, 18 Jahre

Ein junges Mädchen läuft von zu Hause weg und beginnt, harte Drogen zu nehmen. Durch seine Heroinsucht landet es auf dem Kinderstrich. Das ist die Geschichte von Christiane F., der Protagonistin des Buches "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Die Geschichte geht einem deswegen so nah, weil sie wahr ist. Und das Vorhaben, diese Geschichte in eine ästhetische Form zu bringen, ist schwierig. Trotzdem haben die Jugendlichen der Tanzwerkstatt No Limit ein Tanzstück über das Junkieleben einstudiert.

"Ich habe gemerkt, dass der Umgang mit Drogen für viele Jugendliche immer selbstverständlicher wird", sagt Cirsten Behm, Choreografin des Projekts. "Also kam mir die Idee, die Geschichte von Christiane F. im Tanz darzustellen." Die Jugendlichen der Tanzwerkstatt und die Zuschauer sollen durch das Projekt dazu angehalten werden, sich mit mit Drogenmissbrauch stärker auseinanderzusetzen. Frauke, eine der Tänzerinnen, sagt, es ginge im Stück vor allem darum zu zeigen, warum Jugendliche Drogen nehmen. Und Josephine fügt hinzu, dass das Stück eine Kritik an der Gesellschaft sei, die zu wenig dagegen unternimmt, dass Jugendliche sich in Drogen verlieren.

In der Musik wechseln sich ruhige und schnelle, düstere und fröhliche Passagen ab. Die Inszenierung lebt von den Kontrasten. Es gibt Technomusik neben Liedern von David Bowie, dazu Tanzformationen, wie man sie aus Musikvideos kennt, und Soloeinlagen der Mädchen. Die Aufführung weckt Emotionen beim Zuschauer, weil der Drogenmissbrauch durch die Rauheit von Tanz und Musik eindeutig dargestellt wird. "Das Stück nimmt einen mit - genau so, wie auch Christianes Leben", sagt Cirsten Behm. Die Tänzerinnen schaffen es, die Geschichte der Christiane F. authentisch zu vermitteln. Das ist jedoch längst nicht alles. Trotz des schwierigen Themas schafft das Stück etwas, das bei einem Tanzstück überaus wichtig ist: Es groovt und reißt einen richtig mit.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" wird am Mittwoch im FEZ aufgeführt, weitere Vorstellungen sind für den Herbst geplant. Kontakt zur Tanzwerkstatt No Limit gibt es unter Tel. 923 03 91.

 
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