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Thema: Hier ein druckfrischer Artikel über Stuttgart - Südkurier ! (578-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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Hier ein druckfrischer Artikel über Stuttgart - Südkurier !

Er selbst. Leibhaftig. In Jeans./Nicht Ziggy Stardust oder Major Tom waren in Stuttgart: Es war David Bowie, wenn's ihn gibt

28 Oktober 2003
Südkurier

Baudrillard schon wieder. Der kühne französische Medien-Philosoph. Er, der Vordenker, hätte dieses Pop-Phänomen so beschrieben: "David Bowie ist in Tausende von Fragmenten zerborsten, die wie Bruchstücke eines Spiegels sind." Ja, die Philosophie und ihre Bilder. Mühsam. Aber es ist ja was Wahres dran: David Bowie, der mittlerweile weit über 30 Jahre als Pop-Artist und noch mehr Identitäten auf dem Buckel hat, ist ja wirklich so ein wirrer Spiegelscherbenhaufen mit unendlichen Facetten, bunten Brechungen wie in einem Kaleidoskop und vielleicht zwei Konstanten, zweitens: die baritonal leuchtende Melancholie-Stimme, irgendwas zwischen Jim Morrison, David Byrne und Lou Reed, und erstens: die zügellose Kreativität, die daher rührt, dass David, der bekennende Buddhist, nicht nur eine Ikone ist, sondern hinter dieser Art Kultur, dem Pop, immer das Mehr sucht, das Innere, den spirituellen Kern der Sache.

Und weil das so ist wie es ist, muss man verstehen, dass auf der Bowie-Bühne auch nicht nur Wärme herrscht. Das auch. Ein bisschen. Aber vor allem eben kühles Kalkül. Das war auch in Stuttgart so, wo ein Teil des genialischen Scherbenhaufens soeben auf der Bühne der Hanns-Martin-Schleyer-Halle wirkte: nicht Major Tom, nicht Ziggy Stardust, nicht der dünne weiße Herzog oder sonst irgendeine seltsame Bowie-Kunst-Kreatur. Nein. Diesmal war das kleinste Element von David Bowie da. Er selbst. Leibhaftig. Sofern es ihn gibt.

Und wie er so dastand und zu den apokalyptischen Pulsen und Synthetik-Sounds von "Heathen" die gespreizten Arme und den Hals gen Himmel reckte, hinter und über ihm sieben Video-Leinwände eine brennende Hölle zeigten und er innig, ja inbrünstig das "I Can Feel It Die" (Ich kann es sterben fühlen) jaulte, so war das schon alles andere als normaler Rock 'n' Roll oder sonst was aus der Popkultur. Das hatte schon eher etwas von Richard Wagners götterdämmerischem Scheiterhaufen.

Wie authentisch und eindrucksvoll so etwas auf Zuschauer wirkt, wie tief das in die Seelen ritzt, zeigte sich daran, dass die gefüllte Schleyer-Halle am Ende, als David sich von seinem Gastspiel in Stuttgart verabschieden wollte, nicht in Jubel ausbrach, sondern diesen magischen Rhythmus (zweimal kurz, einmal lang) weiter klatschte, bis Bowie wieder zurückkam und eine seiner schönsten Balladen sang: "Bring Me The Disco King" aus dem neuen Album "Reality".

Ist es Altersreife? Ist es Jugendwahn? Bowie, über Jahrzehnte vor allem in Anzug und Schlips auf den Bühnen der Welt anzutreffen, hatte nur eine Art graue Jeans mit neckisch abstehendem Gürtel an, ein T-Shirt, Sneakers und ein Halstuch (das muss schon sein). Und ohne die äußeren Verwandlungen, denen sich der Komplexe und Intellektuelle unter den Pop-Götzen immer unterzog, entstand fast der Eindruck, Bowie habe doch einen - eben den einen - Stil.

Überraschend gut war das klangliche Ergebnis. Bowies Musik ist ja nur selten leicht verdauliche Kost. Selbst seine größten Hits - etwa "Heroes", "Let's Dance" oder "Ziggy Stardust", die alle dabei waren in Stuttgart - sind verzweigte Klanggebilde mit störenden Schichten, darüber gelegtem E-Gitarren-Geschrei oder wild wuselnden Keyboard-Kaskaden - wenn auch nicht so komplex wie neuere Sachen: "Hallo Spaceboy", "The Motel" (aus: Outside) oder "Sunday" (Heathen). Und diese Komplexität in dieser Klarheit rüberzubringen, erst ganz gegen Ende etwas zu laut, aber immer wort-verständlich, war schon genial.

Und Bowie hat noch ein bisschen Rock, wenngleich er auch in "Under Pressure" von Bassistin und Freddie-Mercury-Ersatz (Gott hab' ihn selig) Gail Ann Dorsey in die Ecke gesungen wurde. Aber: Gerade in den neuen Liedern, in "I'm Afraid Of Americans" (Earthling), in "New Killer Star" (Heathen), das auch in Stuttgart mit diesem seltsamen Geeier losging, in Nummern wie den Rock 'n' Rolls "Cactus" (Heathen) oder "She'll Drive The Big Car" (Reality) findet Bowie zurück zur Vergangenheit (wie er auch im Konzert immer sagte: "We're going back, back, back through the years").

Wer große Rock-Acts liebt, kann auf ein Bowie-Konzert allerdings nicht gehen. Er wird sich fühlen wie in einem Kühlschrank. Die Bombenstimmung ist es nie. Auch nicht in Stuttgart. Aber das hat Bowie auch nicht mehr nötig, wie auch sein doch recht bescheidener Technikaufwand und seine ökonomische Show ohne Brimborium unterstreichen. Bowie, so meinte kürzlich ein anderes Medium, sei im Jetzt angekommen. Dieses Jetzt meint auch Realität. Seine Show führt diesen Gedanken weiter. Sie will nicht mehr lügen. David Bowie, mittlerweile 56, sieht darin aus wie ein gereifter Jeans-Dandy. Bleibt nur noch die Frage: Wie lange bleibt David im Jetzt? Präsentiert er uns bald schon eine neue Scherbe? Dann holen wir halt wieder den Baudrillard heraus und beginnen von Neuem.

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Antwort #1
Vielen Dank für den Artikel!!

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Reinhold

 
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