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Tomorrow belongs to those who can hear it coming
Thema: Die neue Bescheidenheit.... (717-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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Die neue Bescheidenheit....

Die neue Bescheidenheit
   
Ein wahrer Beau im Rollenspiel: David Bowie in einem der Momente, in denen er gute Laune verbreitet. WAZ-Bild: Ilja Höpping 
 
WAZ Köln. Jemandem wie David Bowie zu begegnen, erfüllt mit Ehrfurcht. Dort steht ein Mann, ein Künstler, eine Hitmaschine. Jemand, der sich so oft selbst inszeniert hat, dass er längst keines Kostüms mehr bedarf, um in Rollen zu schlüpfen - wie an diesem Abend in der ausverkauften Kölnarena.

Es ist dieser eine Moment während "Ashes To Ashes", als Bowie winkt, lacht und sein braunes T-Shirt den Blick auf den flachen Bauch freigibt, da wird der Verdacht zur Gewissheit: Bowie spielt nur, zieht virtuos alle schauspielerischen Register beim Wechsel vom theatralischen Gutelaunebold zum depressiven Frustprinzen - und er tut dies beeindruckend souverän.

Aber es war ja auch nie Authentizität,was man David Bowie abverlangt hat. Was dort auf der Bühne entsteht, unter den weiß getünchten Birkenästen, auf und neben dem Laufsteg, unter und vor den Videoleinwänden, ist ein Kunstprodukt. Das Gute an der Inszenierung: Wenn man nicht so genau hinschaut, dann merkt man es nicht.

Denn er gibt sich bescheiden, der Bowie der Herbstsaison 2003: Anfangs greift er mit rotweißgestreiftem Jäckchen zur Gitarre, den Rest der 105 Minuten absolviert er leger im braunen T-Shirt mit dunkler Jeans. Einzig das rote Halstuch lässt zunächst darauf schließen, dass er sich einen Restfunken Exaltiertheit bewahrt hat.

Jene Extaltiertheit, mit der er einst "Rebel Rebel" präsentierte, das zum ersten Song in Köln wird. Jene Exaltiertheit, die dennoch verschwunden sein muss, wenn solch einer zeitlosen Ewige-Jugend-Hymne fast übergangslos ein Midtempo-Stück wie "New Killer Star" vom neuen Album "Reality" folgt.

Man hört und sieht einiges von dem, was Standard ist bei Konzerten echter Superstars: Eine musikalisch perfekte Band, eine Videoshow, die sich mit Filmschnipseln und Computeranimationen perfekt einfügt in die Klangwelten. Alles Außergewöhnliche liegt bei Bowie selbst, angefangen bei seinem Neid erweckenden Äußeren: Der beinahe 57-Jährige ist voll austrainiert, scheint nicht einmal zu schwitzen und lässt sich stets eine leichte Brise ins Gesicht und in die Haare wehen - was ihn noch besser aussehen lässt.

Und er weiß, mit seiner Geschichte umzugehen, sich nicht auf peinliche Art zu wiederholen. So singt er "Heroes" auf eine Weise, die aller Inbrunst der Original-Version entbehrt - was reine Absicht ist und keineswegs der im Laufe der Zeit verlorene Muskelschmalz. Es ist die Dekonstruktion der eigenen Legende. Das eingesparte Pathos steckt Bowie in neuere Stücke wie "The Loneliest Guy", das einen der intensivsten Momente des Konzerts markiert. Bowie klettert dazu auf den Laufsteg, verschmilzt mit Videoprojektionen.

Um zu beweisen, dass er dennoch nicht zur Mimose geworden ist, spendiert der Superstar als Zugabe herzerfrischend konventionelle Versionen von "Suffragette City" und "Ziggy Stardust". Eine Versöhnung mit jenen, die nur Hits hören wollen - und ein Zeugnis, dass Bowie doch noch etwas besitzt von jener Ehrfurcht gebietenden Exaltiertheit. Etwas, das alle Zeitläufte und Wechsel in Bowies Image überlebt hat. Und das ihn zum großen Pop-Künstler macht.

02.11.2003  Von Georg Howahl 

quelle : waz - 3.11.03
http://www.waz.de/waz/waz.kultur.artikel.php?id=893385&zulieferer=waz&kategorie=KUL&rubrik=Kultur®ion=National

Re: Die neue Bescheidenheit....

Antwort #1
Zitat
Der beinahe 57-Jährige ist voll austrainiert, scheint nicht einmal zu schwitzen [...]


Das stimmt so nicht ganz: Aus der ersten Reihe konnte man gut die dunklen Schweißflecken unter den Achseln erkennen.  :razz:  Aber gut sieht der Mann natürlich trotzdem aus ...  :D

Viele Grüße,
Veronika & Holger

Die neue Bescheidenheit....

Antwort #2
Du kannst ja toll schreiben. Dein Text klingt ein wenig melancholisch. Ich möchte ja nur allzu gerne glauben, dass Bowie wirklich der ist als der er sich uns präsentiert. Auf dem Konzert fühlte ich eine fast familiäre Atmosphäre, trotz der großen Arena, erzeugt durch seinen ungezwungenen Charme. Aber es stimmt schon, durch seine häufigen "Rollenwechsel" macht er es uns fast unmöglich seine Persönlichkeit zu charakterisieren. In einer Zeitungsrezension habe ich etwas von verschiedenen Elementen seiner bisherigen Figuren in der Show gelesen. So brach er in Hamburg einmal in hysterisches Lachen aus - und keiner wusste warum...- das wurde auf den "exzentrischen Bowie" zurückgeführt... Aber ich möchte so etwas gar nicht hören, ich möchte ihn als den unverstandenen Künstler sehen der uns durch seine aussergewöhnluche Persönlichkeit bezaubert.

Die neue Bescheidenheit....

Antwort #3
Hitmaschine? Hört sich irgendwie bescheuert an. Sonst war der Artikel aus der WAZ aber schon ziemlich klasse!

 
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