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Thema: Bowie in der WAZ 3.11.03 (433-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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Bowie in der WAZ 3.11.03

03.11.2003 WAZ / KULTUR / MANTEL
http://www.waz.de/waz/waz.archiv.frameset.php

Die neue Bescheidenheit

David Bowie liefert mit sparsamen Mitteln die
perfekte Show

 Von Georg Howahl

 WAZ Köln.
 Jemandem wie David Bowie zu
begegnen, erfüllt mit Ehrfurcht. Dort steht
ein Mann, ein Künstler, eine Hitmaschine.
Jemand, der sich so oft selbst inszeniert hat,
dass er längst keines Kostüms mehr bedarf, um
in Rollen zu schlüpfen - wie an diesem Abend
in der ausverkauften Kölnarena.

 Es ist dieser eine Moment während "Ashes To
Ashes", als Bowie winkt, lacht und sein
braunes T-Shirt den Blick auf den flachen
Bauch freigibt, da wird der Verdacht zur
Gewissheit: Bowie spielt nur, zieht virtuos
alle schauspielerischen Register beim Wechsel
vom theatralischen Gutelaunebold zum
depressiven Frustprinzen - und er tut dies
beeindruckend souverän.

 Aber es war ja auch nie Authentizität,was man
David Bowie abverlangt hat. Was dort auf der
Bühne entsteht, unter den weiß getünchten
Birkenästen, auf und neben dem Laufsteg, unter
und vor den Videoleinwänden, ist ein
Kunstprodukt. Das Gute an der Inszenierung:
Wenn man nicht so genau hinschaut, dann merkt
man es nicht.

 Denn er gibt sich bescheiden, der Bowie der
Herbstsaison 2003: Anfangs greift er mit
rotweißgestreiftem Jäckchen zur Gitarre, den
Rest der 105 Minuten absolviert er leger im
braunen T-Shirt mit dunkler Jeans. Einzig das
rote Halstuch lässt zunächst darauf schließen,
dass er sich einen Restfunken Exaltiertheit
bewahrt hat.

 Jene Extaltiertheit, mit der er einst "Rebel
Rebel" präsentierte, das zum ersten Song in
Köln wird. Jene Exaltiertheit, die dennoch
verschwunden sein muss, wenn solch einer
zeitlosen Ewige-Jugend-Hymne fast übergangslos
ein Midtempo-Stück wie "New Killer Star" vom
neuen Album "Reality" folgt.

 Man hört und sieht einiges von dem, was
Standard ist bei Konzerten echter Superstars:
Eine musikalisch perfekte Band, eine
Videoshow, die sich mit Filmschnipseln und
Computeranimationen perfekt einfügt in die
Klangwelten. Alles Außergewöhnliche liegt bei
Bowie selbst, angefangen bei seinem Neid
erweckenden Äußeren: Der beinahe 57-Jährige
ist voll austrainiert, scheint nicht einmal zu
schwitzen und lässt sich stets eine leichte
Brise ins Gesicht und in die Haare wehen -
was ihn noch besser aussehen lässt.

 Und er weiß, mit seiner Geschichte umzugehen,
sich nicht auf peinliche Art zu wiederholen.
So singt er "Heroes" auf eine Weise, die aller
Inbrunst der Original-Version entbehrt - was
reine Absicht ist und keineswegs der im Laufe
der Zeit verlorene Muskelschmalz. Es ist die
Dekonstruktion der eigenen Legende. Das
eingesparte Pathos steckt Bowie in neuere
Stücke wie "The Loneliest Guy", das einen der
intensivsten Momente des Konzerts markiert.
Bowie klettert dazu auf den Laufsteg,
verschmilzt mit Videoprojektionen.

 Um zu beweisen, dass er dennoch nicht zur
Mimose geworden ist, spendiert der Superstar
als Zugabe herzerfrischend konventionelle
Versionen von "Suffragette City" und "Ziggy
Stardust". Eine Versöhnung mit jenen, die nur
Hits hören wollen - und ein Zeugnis, dass
Bowie doch noch etwas besitzt von jener
Ehrfurcht gebietenden Exaltiertheit. Etwas,
das alle Zeitläufte und Wechsel in Bowies
Image überlebt hat. Und das ihn zum großen
Pop-Künstler macht.
 


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