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Tomorrow belongs to those who can hear it coming
Thema: TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart (1667-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

[23.04.2005] [Sender: H3] [Beginn: 22:25] [Ende: 23:40] [Dauer: 75 min] [SV: 12-844-746]

[size=0px]Lou Reed - Rock and Roll Heart[/size]
Dokumentation

Herstellungsjahr: 1998
Herstellungsland: USA
Originaltitel: Lou Reed - Rock'n Roll Heart
Regie: Timothy Greenfield-Sanders

Darsteller:
Lou Reed
John Cale
Paul Auster
David Bowie
Brian Eno

Timothy Greenfield-Sanders (Drehbuch)

Lou Reed - 1942 als Sohn eines Anwalts in Brooklyn/New York geboren und von den Eltern als schwieriger Jugendlicher kategorisiert - gründete Anfang 1965 eine Band, die unter den unterschiedlichsten Namen firmierte. Ende 1965 wurde Drummer Angus Maclise durch Maureen Tucker, die erste Frau am Schlagzeug in der Geschichte des Rock 'n' Roll, ersetzt, die Gruppe nannte sich 'The Velvet Underground' - eine Kultband und Rocklegende war geboren, Reed als Leadsänger, Gitarrist, Komponist und Texter dafür hauptverantwortlich, der legendäre Popartist Andy Warhol wurde zum Mentor. Zum Meilenstein ihrer Zusammenarbeit geriet das Mixed Media Happening 'Exploding Plastic Inevitable'. 1972 startete Lou Reed seine Solokarriere, bei der er immer wieder 'den am wenigsten ausgefahrenen und kommerziell am wenigsten versprechenden Weg wählte' (Munzinger). Der Rocksänger mit der cool lässigen, monotonen Stimme driftete nach großen Erfolgen u. a. mit dem Album 'Transformer' - der Hit 'Walk On The Wild Side', der zu seiner Erkennungsmelodie werden sollte stammt daher - in 'eine Alkoholund Drogenabhängigkeit, die er in düsteren Liedern besang. Live-Auftritte gerieten zu grellen, selbstzerstörerischen Horror-Trips. Doch Ende der 80er Jahre war der für seine Arroganz, Kompromisslosigkeit und Unbeherrschtheit bekannte Musiker wieder erfolgreich im Rockgeschäft' (Munzinger). 1993 feierte Reed mit dem Musical 'Time Rocker' und der Zusammenarbeit mit dem Multimedia-Genie Robert Wilson 'seine Auferstehung von der Melancholie. ... Nach 30 Jahren andauerndem Rebellentum schafft es Reed immer noch, Exzentrik und Provokation mit intellektuellem Biss und poetischer Ausdruckskraft zu verbinden' (Frankfurter Rundschau). 'Er spiegelt den Geist des urbanen Amerika seit Mitte der 60er Jahre bis heute', sagt einer seiner Freunde am Anfang der Dokumentation über den Mann, der weiß: 'Ich wurde für den Rock 'n' Roll geboren.'

Einem Bonmot zufolge hat 'The Velvet Underground' nie viele Platten verkaufen können, aber alle, die eine gekauft haben, gründeten eine Band. David Bowie, Patti Smith, Talking Heads, U2, REM und Sonic Youth, um nur einige 'Käufer' zu nennen, bekennen offen, dass sie vom Musikstil dieser Gruppe - und das heißt von Lou Reed - beeinflusst wurden. Auch der Filmemacher Timothy Greenfield-Sanders gehört dazu: 'Lous Songs haben mich in eine Welt jenseits meiner eigenen eingeführt, brachten mich mit Warhol, dem Underground, mit dem Film und der Kunst zusammen.' Sein Film konzentriert sich auf einige der anspruchsvollsten und provokativsten Reed-Songs und -Alben aus einer über drei Jahrzehnte dauernden Karriere, so auf 'Transformer', 'Berlin', 'Metal Machine Music' oder 'New York' bis hin zu dem Musical 'Time Rocker'. Interviews mit dem Warhol-Schauspieler Joe Dallesandro, mit David Bowie, dem tschechischen Präsidenten Václac Havel oder dem Komponisten Philip Glass beleuchten die aufregende Entwicklung des Künstlers Reed, unterschnitten mit Archivmaterial, Szenen aus seinen Filmauftritten ('Blue in the Face'), Standfotos und Konzertszenen und werfen einen intensiven Blick auf den Menschen und 'American Master' Reed, der wie kaum ein anderer die Musikszene beeinflusst hat.


TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #1
sehr gut... wo ich doch noch auf das Konzert will...

gruß,Z

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #2
Danke für den Hinweis auf die Sendung, die ist nämlich wirklich gut gemacht.

Ich habe die Sendung noch auf Video, aber auf Longplay aufgenommen, was mein neuer Videorecorder leider nicht mehr abspielen kann... :(

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #3
Danke, darf ich nicht verpassen.

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #4
Zitat
sehr gut... wo ich doch noch auf das Konzert will...

Zitat
Berliner Morgenpost vom 25.04.2005[/url]"]Lyriker des Rock: Lou Reed
Konzert

Lou Reed gehörte mit seinen düsteren Songs um "Velvet Underground" zu den einflußreichsten Musikern der sechziger Jahre, sein "Walk on the Wilde Side" war eine zynische Hommage an Andy Warhol und das Leben zwischen Rockmusik, Sex und Drogen. Zu Berlin hat der am 2. März 1942 in New York geborene Künstler eine besondere Beziehung, lebte er in den Siebzigern doch hier in einer WG mit David Bowie und Iggy Pop. Heute ist er im Tempodrom. Ob er Altes oder Neues spielt, hängt wohl von seiner Tageslaune ab (Möckernstr. 10, Kreuzberg. Tel.: 69 53 38 85, 20 Uhr. 35-54 Euro).

lim

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #5
:-D

hab ein ticket...  8-)


gruß,Z

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #6
Zur Vorfreude und für alle die hingehen wollen.
Angeblich (laut Videotext) wird Mister Reed viele Raritäten zum besten geben.
Gruss
Donizetti
 8)

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #7
Ich war gestern in Frankfurt, hat mir sehr gut gefallen.
Er hat tatsächlich viele Raritäten gespielt, hätte ich nicht erwartet.

U.a. hat er  Songs von den Alben Set the twilight Reeling,  Ecstasy, The Raven gespielt.
Als Zugabe hat er Perfect Day zum Besten gegeben.

Nach 2 Stunden war die Show vorbei.

Obwohl er auf Klassiker wie Walk on the wild side , Sweet Jane oder Heroin verzichtet hat, hat es sich gelohnt.

Wer also noch eine Karte bekommen kann und der alte Lou ist sein Geschmack, nichts wie hin.

Gruß
dj

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #8
[size=0px]scheint, das hier ist der richtige Platz dafür...[/size]

hi,
zurück vom Lou Reed Konzert!
Und - schön war's  :-D
Zunächst, Onkel Lou kam leger. Nicht wie beim letzten Mal (Mai 2003) mit knackiger Lederhose und engem schwarzem T-Shirt, sondern in Schlabberjeans und schmutzrotem, ebenso schlabberigem T-Shirt. 
Gesprochen hat er wenig, und um die Mimik zu beobachten, war ich zu weit weg...  Aber ich glaube, er war schon ganz gut drauf.  Jedenfalls wurde kräftig abgerockt.  Richtig lange GUTE Improvisationen...
Ja, insgesamt war's rockiger als beim letzen Mal und die Setlist sehr ausgewogen zwischen Soft und Rock, Geigen und E-Gitarre...  Ja, es war wieder diese grandiose Cellistin dabei!
Auch gab's diesmal ein fettes Schlagzeug und keine Darbietung eines chinesischen Tänzers - und zum Glück auch keine Schnulze vom Bassisten. 
Und ganz offensichtilich weniger bekannte Sachen als beim letzen Mal. Denn leider muß ich gestehen, daß ich von den Songs doch die wenigsten (er-)kannte - Alten VU-Kram gab's z.b. gar nicht.
Fazit: Muß dringend meine Lücken in der Plattensammlung schließen.

Hier ein kleines Schmankerl:
"Perfect day" war die Zugabe.  Qualität ist scheiße, durch mein mangelhaftes Equipment bedingt...
Aber der Song ist schön.

(2,24mb)

(haha, ich hab rausgefunden, daß man mit ACID aus AVI-Files mp3 machen kann...)
hab noch mehr Tondokumente, aber die sind alle genauso übersteuert. Habe aufgrund eines  Fotografierverbotes die Kamera nur in der Jackentasche laufen lassen zwecks Tonaufnahme.

Hier zwei Bilder... sind scheiße und der Beweis, daß ein digitales Zoom Blödsinn ist.  Die ohne Zoom geknipsten und nachträglich in P-Shop vergrößerten sind genauso "gut"  - das Zoom frißt nur Batterie!

- der in der Mitte mit Gitarre  ist Lou -





Gruß, Z 8-)

PS... verstehe immer noch nicht, wie Leute WÄHREND eines Konzertes, ständig rausrennen, um sich diese schwabbeligen, umkippgefährdeten Bierbecher zu holen, die man dann ja wieder dauernd festhalten muß...


PPPS: DieSetlist - importiert von b-net (thanx dreamgirl)

Zitat
Here is the setlist hope I remember all right:
Adventurer
The Proposition
My home(I love it)
Ecstasy(very good)
Guilty
Mad
Talking Book
Slip away(very strange but very good)
Charleys Girl
Burning Embres
Vanishing Act(I love it)
Why do you talk
Guardian Angel
The blue Mask
and Encore: Perfect day(my absolutley fav)

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #9
Mannheimer Morgen vom 26.4

Posen und Poesie, aber kein Punk
 
ROCK: Der legendäre Lou Reed spielte in der ausverkauften Alten Oper Frankfurt
 
Von unserem Mitarbeiter Ulrich Rüdenauer
 
Zumindest von Reihe 29 aus muss man annehmen, dass Lou Reeds Körper alle natürlichen und auf Rauschsubstanzen rückführbaren Alterungsprozesse unbeschadet überstanden hat. Vom Gesicht wollen wir nicht sprechen, das sah in seiner Jungenhaftigkeit immer schon etwas zerknautscht aus. So steht er auf der Bühne der Alten Oper in Frankfurt, muskelbepackt, konditionell voll auf der Höhe, und kann nicht anders. 63 ist Lou Reed im März geworden, man sieht es ihm nicht an. Sie wollen es halt alle noch einmal wissen, so kurz vorm Eintritt ins Rentenalter: Ob Lou Reed, John Cale, Paul McCartney, Bob Dylan oder Brian Wilson - all jene, die Popgeschichte geschrieben und Pop sogar miterfunden haben, touren weiter und weiter und werden wohl auch freiwillig nicht abtreten.

Anfang der 70er Jahre hat der jung gestorbene und darob auch kultisch verehrte Dichter Rolf Dieter Brinkmann, bekannt für seine Hasstiraden, einmal ausgerufen, man sollte die alten "Rockmuffsänger" endlich von der Bühne stoßen. Und meinte damit damals doch nur knapp 30-jährige Sänger-Stars wie Mick Jagger von den Rolling Stones. Das geriatrische Rockzeitalter hat längst begonnen.

Die Alte Oper ist selbstverständlich ausverkauft, und nach dem letzten Live-Album "Animal Serenade" erwarten die Zuhörer von Lou Reed am ehesten eine Best-Of-Show in ungewöhnlicher Be- und Umsetzung. Aber obwohl die Instrumentierung eine ähnliche ist wie auf der erwähnten Platte - Gitarre, Bass und Cello, nun erweitert um ein Schlagzeug -, kommt es ein wenig anders. Die meisten Stücke stammen aus der mittleren und späteren Phase des Reedschen Schaffens, und ganz unproblematisch sind diese Phasen mit ihrem Ideal erwachsener Rockmusik nicht.

Reed hat in jungen Jahren zusammen mit John Cale als Velvet Underground großartige Songs geschrieben, und auch einige seiner Soloalben dürften ihren Platz in den Annalen der Pophistorie sicher haben. Spätestens seit den 80er Jahren tummelt sich Lou Reed aber auch gern als hochbemühter New Yorker Dichterfürst im Mittelmäßigen und Beliebigen.

Die vier, fünf Akkorde, die er einmal einzusetzen verstand wie kaum ein anderer sonst, klingen hin und wieder verbraucht. Die Leidenschaft ist altersbedingt einer Abgeklärtheit gewichen, die leider auch den Liedern oftmals etwas Angestaubtes verleiht. Nein, es besteht kein Zweifel: Lou Reed gehört bis zum heutigen Tag zu den dunkelsten und interessantesten Poeten der Rockwelt; aber das ursprünglich Genialische ist einer posenhaften Kunstbeflissenheit gewichen. Reed ist ein Klassiker geworden. Musikalische Umsetzungen von Edgar Allan Poescher Dichtung bilden da nur die Spitze des Eisbergs.

In Frankfurt dominiert also das spätere Werk, und Reed reißt es souverän herunter. Gelegentliche Ausbrüche von Jane Scarpantoni, die an ihrem Cello jedem Punkrocker das Wasser reichen könnte, groovige Einlagen wie bei "Charley's Girl" (aus dem Jahr 1975) oder die wunderbare Hingabe an Lautstärke und Rhythmus sind Reminiszenzen an die einstige Größe.

Heute treibt sich Reed gern einmal im Klischee herum, auch was sein eigenes Gitarrenspiel angeht. Die filigranen Fertigkeiten der Musiker stehen Überraschungen, die meist aus Unvollkommenheit geboren werden, ohnehin im Weg. Und gleichwohl gibt es immer wieder berückende Momente in diesem Frankfurter Konzert: "Slip Away" etwa, die Andy Warhol-Hommage aus dem Album "Songs For Drella", oder auch die einzige Zugabe: "Perfect Day".

Es war keine "Perfect Night", so hat Lou Reed einmal ein Live-Album genannt, dafür aber die perfekte Gelegenheit, einer Legende bei der alltäglichen Arbeit des Weitermachens zuzusehen - im Mittelmaß kleine Glanzpunkte setzend.

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #10
Die gut FAZ war hin und weg von dem Auftritt in Frankfurt. So unterschiedlich sind die Meinungen:

 
Zitat
Lou Reed
Der perfekte Tag
Von Peter Kemper

25. April 2005 "Am Anfang war das Wort, dicht gefolgt von der Trommel und einer frühen Version der Gitarre." Mit diesen einleitenden Sätzen seiner Gedichtsammlung "Between Thought and Expression" umschreibt Lou Reed nicht nur die evolutionsgeschichtlichen Ursprünge der Musik, sondern seine eigene Obsession. Seit "Velvet Underground"-Tagen gehorcht der Mann ganz seiner Stimme. Mit stoischem, knorrigem Singsang erzählt er seine sinisteren Versionen von Betrug, Verlust, Verzweiflung, Liebe, wenigen Sonnentagen, Tod und Erlösung. Dabei liegt der Zauber dieser Dekadenzphantasien darin, daß sie elegisch und aggressiv zugleich wirken.

Seit Jahren versucht sich der geniale Dilettant zudem am virtuosen Gitarrenspiel. Wo früher ein paar schmutzige Akkordfolgen reichten, um den Songs ihre bezwingende Aura zu geben, erprobt er heute skrupulöse Lärmsoli. Nur wenige Noten, wie mit zehn Daumen gezupft, reichen ihm dann für hypnotisches Heulen und Dröhnen. Fast meint man, Lou Reed versuche, zu einer frühen Version der Gitarre zurückzukehren. Die Trommeln werden in Reeds Musik ebenso vom Bassisten gespielt und dienen nur einem Zweck: Mit erbarmungsloser Härte werden alle romantischen Illusionen und sozialen Sentimentalitäten durchgeprügelt - Rock als mühsames Dahinschleppen der Träume und Trugbilder.

Wer gehofft hatte, Lou Reed würde auf seiner Tournee unter dem Titel "Animal Serenade" wie beim gleichnamigen Live-Album "Best of"-Konzerte geben, sah sich in der Alten Oper Frankfurt getäuscht. Mit seiner Songauswahl setzte er vor allem auf randständige Stücke wie "Ecstasy", "Guilty" oder "Mad", eher zweitklassiges Material. Doch mit seinem aktuellen Quintett gelingt es ihm mühelos, selbst Durchschnittsware in triumphale Manifeste des Scheiterns zu verwandeln.

Das Cellospiel von Jane Scarpantoni verleiht den Liedern dabei eine neue sonische Dimension. Ihr furioses Geräusch-Solo in "Burning Embers" läßt Flageolett-Pfeiftöne wie Querschläger durch den Raum rasen. Der hochpräzise Drummer Tony Smith tut in seinem Rundumplexiglaskäfig ein übriges, um die Stücke bis zum Bersten unter Druck zu setzen. Regelmäßig münden sie in kalkulierte Lärmorgien; mit seiner silbernen Telecaster ist Reed der Zeremonienmeister dieses Infernos. Dabei muß man bedenken, daß er all die Verzerrungen und Frequenzschichtungen in mühevoller Kleinarbeit berechnet und auf die Schwingungsverhältnisse der Gitarrenhölzer abgestimmt hat.

Dann ein Schock aus Intimität und Zartheit: Das "Talking Book" der Koproduktion "Time-Rocker" mit Robert Wilson am Hamburger Thalia Theater entpuppt sich als kammermusikalische Träumerei. Auch "Slip Away", die Hommage an Andy Warhol, kommt als besänftigendes Arrangement daher. Die Überraschungen nehmen kein Ende: Songs wie "Vanishing Act" oder "Guardian Angel" vom ambitiösen Konzeptalbum "The Raven" werden zutiefst anrührende Meditationen über Zerbrechlichkeit und Ermutigung.

Nie war Reeds Stimme faszinierender, ausgedörrt und dennoch von tiefgründiger Wärme. Im Zwiegespräch mit dem zweiten Gitarristen Mike Rathke werden die Lieder gehäutet und in ihrer Vielschichtigkeit entblößt. Stimmkontraste zwischen Reeds rauhem Bariton und dem hellen Tenor von Bassist Fernando Saunders erzeugen zusätzliche Reize.

Schon zu "Velvet Underground"-Zeiten war Lou Reeds Musik expliziter Nicht-Jugendlichkeits-Pop. Sein Credo lautete: "Das Herz eines Songs schlägt für mich immer in einer gelebten Erfahrung." Vielleicht wirkte deshalb der Auftritt des durchtrainierten Dreiundsechzigjährigen so unverbraucht. Seine resümierende Zugabe "Perfect Day" war jedenfalls auch als Referenz an das völlig enthusiasmierte Frankfurter Publikum gedacht.

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #11
Und hier noch die SZ-Kritik vom 26.04.05

NEUES VOM TODESZWERG
Hey c´mon! Warum denn nicht mal supereuphorisch dem Winseln des Verflossenen lauschen?! Der Mann und Meister hat schließlich pfundweise eigenes Fleich verhökert - und jetzt wickelt er die ganze Alte Oper um den Finger. Von Oliver Fuchs

In so eine Begegnung geht man nicht unvorbereitet.
Das wäre respektlos.
Man sitzt also im Zug und gräbt sich durch zirka 120 Kubikmeter Archivmaterial, nimmt hier eine Tiefenbohrung vor, checkt dort ein paar Fakten, wühlt, gräbt, checkt, entdeckt.

Also, wie war das schnell noch mal: Hat Lou Reed wirklich seine Freundin und spätere Ehefrau Sylvia Morales regelmäßig verprügelt, was lief mit Laurie Anderson, hat er wirklich, Stichwort Berlin, Stichwort Heroin, mit Bowie und Iggy Pop das Spritzbesteck geteilt, war Nico wirklich sauer auf ihn, weil er von seinen beträchtlichen Drogenvorräten nichts abgeben wollte, und, wo wir gerade an Hanau vorbeifahren: Wie war das eigentlich damals in Offenbach, wurde er da nicht im Polizeiwagen abtransportiert, nachdem Zuhörer die Halle verwüstet hatten, denen sein „Gesang zu brav“ war, und ging der Vorfall nicht als „Offenbacher Schlägerei“ (Stern) in die Geschichtsschreibung ein?

Halt, stopp. Das interessiert doch niemanden. Noch drei Stunden bis zum Konzert – und schon hat man sich heillos in Details verzettelt, schon taucht man wieder viel zu tief ein in diesen kaputten Kosmos. Mit anderen Worten: Man geht Lou Reed, dem Rock’n’Roll-Tier und Rattenfänger, auf den Leim. Denn genau das will er ja, der große Musiker und noch größere Manipulator. Man soll sich für jeden Mist, den er macht, interessieren. Man soll ihm verfallen. Den Gefallen tun wir ihm nicht, jedenfalls nicht jetzt, nicht um 17.05 Uhr.
Im Abteil sitzen auch zwei Studenten und unterhalten sich angeregt über neue Rockbands. The Kills, The Killers, The Thrills, The Thrillers oder so ähnlich – man kommt da ja nicht mehr mit, es gibt mittlerweile so viele Bands mit bestimmtem Artikel, die irgendwie nach den achtziger Jahren klingen und angestrengt cool tun. Der eine Student trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kein Platz für weitere Kurzmitteilungen“. Bei dem anderen steht vorne „Pornostar“ drauf.

Hallo, ihr Studenten, fahrt ihr auch zu Lou Reed? – Nein.
Das sollten sie vielleicht besser mal. Denn natürlich ist Lou Reed einerseits ein Klassiker mit wohl abgehangenem, längst proseminarfähigem Œuvre. Andererseits führte er The Velvet Underground an, eine Band, die in den sechziger Jahren kaum verstanden wurde, weil alle Mitglieder auf Speed waren und der Rest der Welt auf LSD (Detailwissen: Reed nahm angeblich Octagell, das härteste Speed im Handel), und die dann plötzlich in den achtziger Jahren wiederentdeckt wurden, und – seltsam, aber so steht es geschrieben – die prägendste Band der Achtziger waren, obwohl sie 1970 auseinandergingen, im Streit, klar, wenn einer wie Reed der Boss ist.

Es klingt vielleicht verdreht, aber müsste nach den Gesetzen der Logik nun nicht er der Mann der Stunde sein, unser Achtziger-Retro-Onkel, jetzt da alle auf Achtziger machen? Warten wir’s ab.

Pünktlich um 20 Uhr betritt er die Bühne der Alten Oper in Frankfurt am Main und spielt los, ohne „Guten Abend“ oder wenigstens „Hey“ zu sagen. Er trägt ein nichtssagendes bordeauxrotes T-Shirt, bewegt sich während der ersten halben Stunde nicht von der Stelle, und als er dann doch mal drei Zentimeter läuft, tut er es mit der bollerigen Breitbeinigkeit, die alternden Pornostars zu eigen ist.

Es geht los mit einem breiigen „Adventurer“, es folgt „The Proposition“, auch irgendwie diffus.

Man spitzt erst die Ohren, als unvermittelt „White Light/White Heat“ losbricht, eines der schönsten und klarsten Velvet-Underground-Stücke. Das ist Krach, aber kompakt, mit Sinn und Verstand, formstreng. Und sofort kapiert man, warum diese Band so wichtig war und ist. Sie hat der Rockmusik alles Schwitzige, Intime, Hippiehafte ausgetrieben, und an die Stelle von Gefühlsgewaber kühle Konstruktionen gestellt.

Wer „White Light/White Heat“ hört (falls es jemanden interessiert: David Bowies Lieblingslied), wird all den Thrillers und Killers der Gegenwart wohl nie viel abgewinnen. Das Original ist den Epigonen turmhoch überlegen, um Lichtjahre voraus.

Lou Reed spielt an diesem Abend vorwiegend Lieder aus der zweiten und dritten Reihe seines Werks, Unscheinbares, Überhörtes. Er kann es sich leisten. Das weiß er. Nach drei, vier Stücken hat er sein Publikum herumgekriegt. Durch die Alte Oper tosen Begeisterungsstürme.

Ob man will oder nicht: Man fällt auf ihn rein. Man verfällt ihm. Er singt „Why do you talk“, diskret lebensmüde, und „Slip away“, ein rabenschwarzes Requiem, und „Talking Book“, ein Kinderlied, mit Pling-Plong-Harmonien, und doch: tieftraurig. Es ist alles ganz einfach. Und wunderbar klar. Der alte Reed erinnert ein wenig an den alten Eastwood. Eine kleine Geste genügt, ein Zucken mit dem Mundwinkel, ein Streicheln über die Gitarre. Mehr braucht es nicht.

Und so bewegt er sich durch diesen Abend mit der Gelassenheit eines Mannes, der machen kann, was er will. Er kann gute Alben aufnehmen und mittelgute, er kann schlechte Konzerte geben und granatenschlechte, er kann sich, wenn er Lust hat, mit Vaclav Havel zum Abendessen treffen und nebenbei, so will es eine Legende, das Sowjetreich zum Einsturz bringen. Er kann im Hamburger Thalia-Theater den inneren Edgar Allan Poe herauslassen und Willem Dafoe antanzen lassen und Steve Buscemi und daraus eine Revue fabrizieren, die so prätenziös ist, dass sie schon wieder saukomisch ist, er kann ein nur mit Altersdemenz entschuldbares Heavy-Metal-Opus wie „Metal Machine Music“ herausbringen – es ist okay.

Es ist, um es mit seiner eigenen Lieblingsvokabel zu sagen: allright.
Wer kann ihm noch irgendwas? Er hat mit den schärfsten Frauen geschlafen (und den schärfsten Männern und Transsexuellen), er hat jede Sünde begangen, er war ganz unten und ganz oben, er ist mehrfach gestorben und wiederauferstanden. I met myself in a dream / And I just wanted to tell ya, everything was allright ...

Nur einmal an diesem Abend klatschen die Zuhörer bloß euphorisch und nicht super-euphorisch. Da bellt er sie an und befiehlt: „Hey c’mon!“ In diesem Moment erinnert man sich an die unsterblichen Zeilen, die der Kritiker Lester Bangs einst über ihn geschrieben hat: „Lou Reed ist ein völlig verdorbener Perverser und bemitleidenswerter Todeszwerg. Außerdem ist er ein Lügner, ein vergeudetes Talent, ein Künstler auf dauernder Suche und ein Höker, der pfundweise sein eigenes Fleisch verkauft.“

Doch insgesamt muss man sagen: Der Todeszwerg hat ein sehr, sehr gutes Konzert gegeben. Er war allright.[size=0px][/size]

TV-TIPP: Lou Reed - Rock and Roll Heart

Antwort #12
so zurück aus Hamburg. Also ich fand´s toll. Die Cellistin war wirklich grandios. Lou Reed war total erkältet, jedenfalls mußte er sich öfters mal schneuzen und hat zig Taschentücher verbraucht.
Setlist war wohl so ähnlich wie in frankfurt und Berlin, als Zugabe gab es auch Perfect Day.
Viel redet er ja nicht. Aber immerhin Hello, dankeschön und ich bin ein Hamburger.
 :-D
Außerdem hab ich jemanden mit einem Bowie Tatto im Ausschnitt gesehen.  8O
Ist das jemand von Euch?
Nacht!
Silvia

 
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