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Tomorrow belongs to those who can hear it coming
Thema: "Wolf Parade" (423-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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"Wolf Parade"

'Apologies To The Queen Mary'



Wieder Kanada. Wieder Montreal. Wieder Pathos. Wieder sensationell. Die Ziehkinder von Arcade Fire sind da und sie heulen den Mond an.
 
Die Parade
Danke für den feinen Unterschied. Oder besser: Danke für den rauhen Unterschied. Dan Boeckner hat nämlich seine Stimme verloren. Drüben in Brooklyn. Beim Wolf Parade Konzert im North Six. Jetzt klingen seine Worte, wie man sich besonders grobes Schleifpapier vorstellen muss. Dan steht mit mir im Backstage Raum des Bowery Ballroom und zwar im Besenkammerl. Draußen auf der Couch lümmeln die Constantines und noch andere Sub Pop Acts herum, mit denen Wolf Parade in New York für ein paar Label-Showcases gastieren. Die Geräuschkulisse ist zu laut für ein Interview. Deshalb das Besenkammerl. Das Szenario würde ganz gut in eine Screwball Comedy passen. Aus der Distanz sehen wir sicher aus wie ein ungelenkes Liebespaar, das sich zwischen Wischmob und Besen vergnügt und bald von der erbarmungslosen Meute entdeckt und an die Öffentlichkeit gezerrt werden wird - peinliche Verwechslungen inklusive.


Dan Boeckner (Guitar + Vocs) Hadji Bakara (Electronics) Arlen Thompson (Drums) (unten) Spencer Krug (Keys + Vocs) 
 
Intim ist die Atmosphäre allemal. Nicht nur wegen der durch äußerliche Umstände erzwungenen körperlichen Nähe. Nach dem üblichen rhetorischen Aufwärmübungen sind wir schnell beim Kern der Sache, den Gespenstern, die auf dem Wolf Parade Debut 'Apologies To The Queen Mary' in beinahe allen Songs herumspuken. Nicht nur in Songtitel wie 'Same Ghosts Every Night' oder 'Dear Sons And Daughters Of Hungry Ghosts'. Die Gespenster orgeln und huschen auch als Sounds durch die Stücke und werden als "Scheiß Leben in Scheiß amerikanischen Kleinstädten des Nordwestens" benannt, die "aus nichts anderem bestehen außer einem Wal-Mart, einigen Häusern drumherum, einen Highway, der durchführt, und einem großen, finsteren Wald, der diese All-American Hölle wie eine undurchdringliche Mauer umgibt". Oder einem Bürojob, der "einen gerade mal über der Armutsgrenze hält", vornehmlich in mit grauen Kunstfaserplatten getrennten Office-Zellen getätigt wird und im vorliegenden Fall "den auf Telefonmarketing basierenden Verkauf von gefaketen Telefonbüchern an Firmen" betrifft. Dan hat diese seelenlose Arbeit so angekotzt, dass er an chronischer Schlaflosigkeit zu leiden begann. Die Songs 'Modern World' (betörendstes Gitarren-Break des Jahres!) und 'Shine A Light' handeln davon und wurden in dieser Situation geschrieben. 
   
der Wölfe
"Ja eh", mag sich jetzt die geneigte Leserschaft denken: "Nix Neues aus der amerikanischen Vordstadthölle, tausendmal gehört!".

Eben nicht. Und darin liegt der feine - pardon - rauhe Unterschied. Die Musik von Wolf Parade ist wahrhaftig, direkt am obersten Punkt der Spitze des Pfeils, der durch Raum und Zeit in welche Richtung auch immer fliegt. Vielmehr als in den Texten, die eben typische Entfremdungslyrik von nassforschen Mitzwanzigern beinhalten, äußert sich das im Bereich der sinnlichen Wahrnehmung. Alternierend und synchron geben Dan Boeckner und Spencer Krug den Wölfen ihre Stimmen. Beide sind jeweils für das Songwriting von sechs Stücken auf 'Apologies To The Queen Mary' verantwortlich. Im Zusammenspiel ihrer rauhen Empfindungen stehen diese Stimmen der Ausdruckskraft von Antony von Antony & The Johnsons in keiner Note nach. Anfängliche Vergleiche der Band mit der Musik ihrer Zieheltern Arcade Fire und Modest Mouse (deren Cheffe Isaac Brock 'Apologies To ...' produziert hat) stellen sich bei näherem Hinhören als Nonsens heraus. Diese Wölfe veranstalten ihre eigene Parade. Womöglich ist das Quartett aus Montreal die zeitgemäße Inkarnation von Blues - auch wenn sich das formal nicht so anhört.

und ihrer Gespenster
Im Gegensatz zu ihren Stiefeltern von Arcade Fire, vertreiben Wolf Parade ihre Geister und Gespenster nicht. Sie geben ihnen eine Gestalt und bannen sie. Laden sie zum Dinner ein (Song 'Dinner Bells') oder zerren sie aus der Kindheitserinnerung hervor (Song 'It's A Curse'). Und das kann man dem Quartett aus Montreal gar nicht hoch genug anrechnen. Wolf Parade machen nicht auf altklug und lebensgeeicht; für den Exorzismus ist auch noch später Zeit. Jetzt brauchen die Gespenster Raum, um Gestalt annehmen zu können; auch wenn man sie dafür eventuell umarmen muss.

So ist 'Apologies To The Queen Mary' wahrscheinlich das relevanteste Album, das heuer von Mitzwanzigern gemacht wurde. Keine Schnörkel, kein Stilisieren, kein romantisches Schwelgen in Selbstmitleid trübt diese Musik, die doch so unrastig und ausgefranst daherkommt.

Und Montreal, ja Montreal ist tatsächlich die Musikhauptstadt der Welt. Und auch der Gründermythos stimmt. Arcade Fire sind die Zieheltern von Wolf Parade. Dan und Spencer erhielten vor etwas weniger als drei Jahren den Anruf eines Freundes, dass eine Band eines Bekannten für einen Auftritt eine Vorgruppe brauchen würde. Und da Dan und Spencer gerade nichts Besseres zu tun hatten und ihnen die Gespenster schon auf den Schultern saßen, haben sie einfach Wolf Parade gegründet, zwei Wochen geprobt und dann beim ersten Arcade Fire Auftritt im jetztigen Lineup den Opener gegeben. Ziemlich historische Begebenheit das... 
 
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"Wolf Parade"

Antwort #1
aha, hast gestern den bericht auf FM4 gehört hm??

aber is schon a bissl verstörend die musik!
muss man sich wirklich zeit nehmen!

j.

"Wolf Parade"

Antwort #2
Zitat
--> Artist Site + Audio Player

wow  -gefällt!  :D

gruß,Z

"Wolf Parade"

Antwort #3
Ja - das ist doch mal wieder "Against Mainstream" - sehr schön!

"Wolf Parade"

Antwort #4
...höre gerade das Album...

...sehr gut, doch...  :D

gruß, Z

 
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