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Thema: To/s.77 only: Tiefschürfendes (658-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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To/s.77 only: Tiefschürfendes

Zitat
Donnerstag, 11. September 2003 

sicherlich kein Zufall. Die angestrebte "Normalität” des Landes innerhalb Europas fängt mit der EU-Normierung der Sanitätsanlagen an. Ein "unverkrampfterer Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit" (Schröder) erfordert einen unverkrampfteren Stuhlgang. Dass sich keine Bewegung für die Erhaltung des flachen Spülbeckens bemerkbar machte, zeigt schon, wie weit sich die gegenwärtige Generation bereits vom alten Sonderweg nach unten entfernt hat. Ob diese Vereinheitlichung der Abtrittstechnik einer Befreiung oder weiteren Verdrängung gleichkommt, ist Meinungssache.


Zitat
Über das Ganze

Was denkt man gewöhnlich über das Ganze? Fragen Sie einen Taxifahrer, einen Pizzabäcker, eine Putzfrau - und Sie bekommen in den meisten Fällen eine klare Antwort: Das Ganze ist Scheiße.

Diese Antwort wird in der Regel durch einige weitere Verallgemeinerungen bekräftigt: Man arbeitet zu viel und bekommt zu wenig, der ehrliche Mensch hat im Leben keine Chance, alle sind korrupt und wollen einen über den Tisch ziehen. Kurzum: Das Leben ist eben Scheiße. Und was auch man in dieser Welt tut, man landet unausweichlich in der gleichen Scheiße.

Diese weitverbreitete Auslegung des Ganzen des Seienden in seinem Sein als Scheiße wird von der Schulphilosophie oft übersehen - daher wird ja auch ab und zu vermutet, dass der moderne Mensch in der Seinsvergessenheit verharrt und nicht dazu neigt, den Ruf des Seins zu vernehmen. Nichts ist aber weiter von der Realität entfernt. Der moderne Mensch hört dem Sein genauso aufmerksam zu, wie der Mensch es immer getan hat. Allein gefällt das, was der Mensch dabei vernimmt, der Schulphilosophie nicht besonders gut. Denn die philosophische Tradition vertritt meistens die vom gesunden Menschenverstand abweichende Meinung, dass das Ganze nicht Scheiße, sondern etwas Wahres, Gutes und Schönes ist. Oder dass es zumindest etwas Tragisches, Erhabenes und "Anderes" ist. Oder dass es Natur ist. Oder dass es Macht ist. Oder dass es Eros ist. Oder dass es die Anwesenheit der Abwesenheit ist usw.

Nun besteht das große Verdienst von Adorno vor allem darin, der herrschenden Volksmeinung einen Platz im Kontext der Schulphilosophie eingeräumt, d.h. der alltäglichen Auslegung des Seins eine philosophische Würde verliehen zu haben. Denn Sätze wie "Das Ganze ist unwahr" oder "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" sind eben nur Übersetzungen von: Alles ist Scheiße, und was auch immer du machst, landest du letztendlich in der gleichen Scheiße. So kann man sagen, dass Adorno, indem er die diskursiven Mittel fand, um diese de facto herrschende Seinsauffassung adäquat in die philosophische Sprache zu übersetzen und im universitären Kontext zu verankern, der Frankfurter Schule im Vergleich zu allen anderen philosophischen Schulen der Moderne eine deutliche Überlegenheit verschafft hat. Denn jeder Taxifahrer und jede Putzfrau denken heute so, wie Adorno gedacht hat. Und alles andere gehört inzwischen in Therapiekurse, New-Age-Veranstaltungen und Esoterikläden.

Bleibt nur noch die klassische Frage zu beantworten: Wenn alles bloß Scheiße ist, warum machen wir diese Scheiße dann weiter? Auf diese Frage findet man bei Adorno allerdings keine Antwort - dafür aber beim späteren Tolstoi. Tolstoi schreibt nämlich in seinem Buch "Meine Beichte", dass der normale, hart arbeitende Mensch meistens zu beschäftigt ist und zu wenig Zeit hat, um persönliche Konsequenzen aus seinen allgemeinen metaphysischen Einsichten zu ziehen. Das können, meinte Tolstoi, nur Philosophen tun, weil sie ihr Leben mit arbeitsfreier Kontemplation verbringen - und daher genug Zeit haben, richtig zu verzweifeln.

Nun ist das Leben des heutigen Philosophen aber vom Ideal der reinen Kontemplation viel weiter entfernt als das Leben der meisten seiner Zeitgenossen. Adorno ist dafür das beste Beispiel: Zahllose Vorträge, Buchveröffentlichungen, Unterricht, gesellschaftliche Verpflichtungen - für eine rein persönliche Verzweiflung bleibt dabei noch viel weniger Zeit als bei einem Taxifahrer oder bei einer Putzfrau.

Darin liegt der eigentliche Grund für die gewachsene Bereitschaft des heutigen Philosophen, aufgeklärte Positionen zu übernehmen. Die Philosophen des klassischen Zeitalters konnten tatsächlich ein kontemplatives Leben führen und verfügten über viel Freizeit. Daher mussten sie in der Tat an das Edle und Schöne glauben, um nicht definitiv zu verzweifeln.

Der heutige Philosoph kann dagegen ohne großen Schaden für sein persönliches Wohlergehen die allgemeine Einsicht vertreten, dass das Leben Scheiße ist - er ist ständig in Bewegung, ständig im Arbeitseinsatz, ständig in Zeitnot und dadurch gegen einen solchen Schaden vollständig immun.
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    Quelle: Nein, leider nicht Dein geliebter Brockhaus, aber dafür ganz aktuell und wie für Dich geschrieben: [/size] http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/feuilleton/276227.html[/list]

    To/s.77 only: Tiefschürfendes

    Antwort #1
    Hi!
    Und was würde Nina Hagen dazu sagen?
    "Mann bist du belesen"
    Welcher Song von ihr war das doch gleich?
    Gruß Neon

    Mann bin ich belesen

    Antwort #2
    Zitat
    Hi!
    Und was würde Nina Hagen dazu sagen?
    "Mann bist du belesen"
    Welcher Song von ihr war das doch gleich?
    Gruß Neon


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