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Thema: "Carnivàle" (660-mal gelesen) Vorheriges Thema - Nächstes Thema
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"Carnivàle"



Hereinspaziert zur Apokalypse
Liest eigentlich irgendwer noch Stephen King-Romane? Ich für meinen Teil bin den schematisch konstruierten Schmökern des einstigen King of Horror längst entwachsen. Allerdings bleibt eine unauslöschbare Erinnerung zurück. Vor allem epische Werke wie 'It' oder 'The Stand', in denen eine Vielzahl unterschiedlichster Charaktere ganz langsam in einen düsteren Sog gezogen wird, haben mich seinerzeit gefesselt.

Alles andere als beeindruckend waren bekanntlich die diversen TV-Verfilmungen der erwähnten Bücher. Als ob eine völlig lieblose Regie und miserabelste Schauspieler nicht schon reichten, nervten diese Mehrteiler auch noch mit einem peinlichen Drang zur Visualisierung des Grauens mittels billigster Effekte.

Die ganz spezielle Qualität von 'The Stand' etwa, dieses allgegenwärtige Gefühl einer herannahenden Apokalypse, das sich in scheinbar nebensächlichen Momenten manifestiert, diese Qualität ging dabei völlig verloren.

Umso beeindruckter war ich, als ich via Import-DVD eine Fernsehserie sah, die erstmals die Gänsehaut erregende Quintessenz des Stephen King in bewegte Bilder übersetzt. Und das, obwohl oder gerade weil der Bestsellerautor nicht in den Credits auftaucht.

Aber viel mehr noch: 'Carnivàle' vermengt die beklemmenden Elemente von King mit surrealen Anklängen an David Lynch, zitiert filmische Klassiker wie 'Freaks' und literarische Meisterwerke von Southern Gothic-Genies wie Flannery O'Connor oder Cormac McCarthy. Und gibt sich noch dazu sexuell expliziter und mit Gewalt aufgeladener, als es die Bildschirm-Polizei erlaubt.

Das Ende ist nah 
'Carnivàle' spielt im Amerika der großen Depression, Mitte der dreißiger Jahre. Es ist eine Zeit, in der viele Leute ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben und gigantische Sandstürme den Mittelwesten bedrohen. Wirre Sprücheklopfer und Hassprediger haben Hochsaison, denn die verzweifelten Menschen sehnen sich, so wie im fernen Deutschland, nach starken Männern und vermeintlichen Erlösern.

Bruder Justin (Clancy Brown) ist einer dieser Verkünder des herannahenden Armaggedon, ein charismatischer Priester, der von gespenstischen Erscheinungen geplagt wird. Weit weg von dessen kalifornischer Pfarrgemeinde, im staubigen Oklahoma, nimmt ein herumtingelnder Wanderzirkus einen jungen Flüchtling auf. Den verwirrten Burschen namens Ben (Nick Stahl) verfolgen ähnliche Albträume wie den besessenen Diener Gottes.



Ganz langsam, ohne die übliche aufgesetzte TV-Serien-Dramatik, kristallisieren sich die beiden Männer als Kontrahenten in einem mythischen Spiel heraus. Und während Ben mit sich und seinen unerklärlichen Fähigkeiten als Wunderheiler ringt, versammelt der sinistre Justin immer mehr Jünger um sich.

Das Böse im Priestergewand 
Was ein plumper Mysterythriller hätte werden können, entwickelt sich in ungleich reichhaltigere Richtungen. Alleine die exquisite Besetzung, die spektakulären Dekors und die atmospärische Kameraführung, die so manche Kino-Grossproduktion alt aussehen lässt sorgen schon für ein Seherlebnis extraordinaire. Aber 'Carnivàle'-Schöpfer Daniel Knauf benutzt den Genreplot auch als Vehikel, um auf sarkastische Weise "God's own country" zu kommentieren.

Da ist es kein Zufall, dass das Böse ein Priestergewand trägt und via Radio die Nation gegen den moralischen Verfall aufstachelt. Oder umgekehrt die Helden der Serie zu einem Zirkus gehören, der samt Freakshow und Stripteasetänzerinnen reist, und damit genau jene Verdorbenheit repräsentiert, auf die es das fundamentalistische Amerika abgesehen hat.



Aber was heißt andererseits schon Gut und Böse in der Welt von 'Carnivàle'? Verweigert die Serie doch grundsätzlich die simplen Zuschreibungen, mit denen etwa Hollywood auch im neuen Jahrtausend nicht aufhört zu quälen. Da tun sich hinter jedem vermeintlichen Sympathieträger Abgründe auf und auch die dunkelsten Gestalten beschreiten emotional nachvollziehbare Pfade.

Mit 'Carnivàle' scheint sich der Ausnahmesender HBO, der hinter all diesen und anderen TV-Phänomenen steht, aber selbst übernommen zu haben. Denn dass ein Minderheitenprogramm mit subversiven Anklängen gleichzeitig unglaubliche Kosten (4 Millionen $ pro Folge) verursacht, dieser Gegensatz ging nur zwei Seasons lang gut. Diese beiden Staffeln darf man allerdings als Fernsehwunder bezeichnen !!

Season I Trailer (Qicktime 14mb)
Season II Trailer (Quicktime 16mb)

Carnivalé (HBO)
Carnivalé (Fanseite)

Amazon.uk Season I
Amazon.uk Season II

Re: "Carnivàle"

Antwort #1
Wolff,

weißt du, wann die deutsche TV-Ausstrahlung kommt?


Beste Grüße

Reinhold

 
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